


Malaria-Prophylaxe hat sie eingepackt und auch helle Kleidung, denn dunkle Farben zieht die Mücken an. Viel Platz für Hosen und T-Shirts ist allerdings nicht in den zwei Koffern, die Susanne Kreuz nach Mali mitnimmt. Den größten Teil nehmen Zeichenutensilien ein: Stifte, Kohle, Aquarellfarben. Und Unterrichtsmaterial. Über 300 Seiten hat die Dozentin im Gepäck, für ihre Schüler. Denn Kopien sind in Mali unbezahlbar.
Susanne Kreuz ist Dozentin für Mode an der BEST-Sabel Berufsfachschule für Design in Berlin – und unterwegs in besonderer Mission. Zwei Wochen lang tauscht sie ihren Arbeitsplatz in Berlin-Köpenick mit einem Seminarraum in Bamako, der Hauptstadt Malis, ein. Dort gibt sie jungen Schneidern Unterricht. Auf dem Lehrplan stehen eine Einführung in die Arbeitsweise afrikanischer Designer, Zeichnen und der Proportionskanon.
Kulturdialog der besonderen Art
„Ich freue mich sehr auf die zwei Wochen. Das ist ein Kulturdialog der besonderen Art. Ich lerne afrikanisches Textilhandwerk kennen und die Schüler die europäische Sichtweise“, sagt die Berliner Fashion-Pädagogin. Zu ihrer Seminartätigkeit in Westafrika ist sie über den Modewettbewerb „WeltGewänder“ der Deutschen Welthungerhilfe gekommen, dessen zweite Runde im März diesen Jahres mit einer großen Modenschau in Berlin zu Ende ging. Dort lernte Kreuz, deren Studenten sich schon zum zweiten Mal an dem Projekt beteiligten, die malische Designerin Mimi Konaté kennen.
Die 32-jährige Malierin ist eine der wenigen Frauen mit eigenem Modelabel in Mali, sie hat auch ein ehrgeiziges Projekt ins Leben gerufen: „Mode Sup“ nennt sie ihr Ausbildungsprojekt, in dem junge Schneiderinnen und Schneider in Textil- und Modedesign fortgebildet werden. In Mali, einem der ärmsten Länder der Welt, hat das Schneiderhandwerk lange Tradition. Wer es ausübt, genießt dennoch kein großes Ansehen. „Der Beruf Modedesigner wird in Mali meist noch sehr handwerklich verstanden. Doch das Niveau muss sich ändern“, sagt Mimi Konaté. Deshalb hofft sie auf Unterstützung - Dozenten aus Europa sollen den Nachwuchs schulen. Sie müssen neben Grundkenntnissen in Französisch auch eine Portion Idealismus mitbringen. Denn das Projekt hat zwar eine finanzielle Unterstützung durch die Europäische Union erhalten, aber für Honorare reichen die Gelder noch nicht. Nur die Reisekosten und die Unterbringung werden übernommen, die Dozentin wohnt bei Mimi Konaté im Gästezimmer.
Susanne Kreuz von Best Sabel ist die erste Dozentin und hat sich gut vorbereitet. Ihr Thema heißt „Jeu de Géométrie“. Wie kann man Flächen auf den auf den Körper übertragen? Wo setzt man Falten, Biesen, Raffungen ein, um eine neue Optik zu erzeugen? Wie verbindet man europäische Schnittführung mit den lebendigen Mustern der afrikanischen Stoffe? Das Thema hat sie mit Bedacht ausgewählt: „Es orientiert sich an den malischen Stoffen mit ihren klaren Formen und Flächen. Außerdem kann ich es gut anhand von Bildern darstellen und erklären.“ Kreuz ist sich nicht sicher, wie gut ihre Schüler lesen und schreiben können. In Mali sind über 70 Prozent der Bevölkerung Analphabeten.
Nur drei Wochen Zeit hat sie, um den Eleven das Notwendigste beizubringen. Jeder Schüler soll am Ende sechs bis acht Modelle entworfen haben – Alltags und Abendmode. Dann kommt die nächste Lehrkraft aus Berlin und macht weiter mit der schnitttechnischen Umsetzung. Ein wenig mulmig ist Susanne Kreuz vor der großen Reise schon, aber Spannung und Vorfreude überwiegen. „Das ist ja keine einseitige Aktion. Für mich ist das eine Erweiterung der Sinne, ein inspirierender Aufenthalt. Es ist für die Modebranche sehr wichtig, mal aus dem Designtempel rauszukommen und zu sehen, wie Menschen in anderen Kulturen leben.“ Sobald sie aus Mali zurückgekehrt ist, will sie ihr nächstes Projekt in Angriff nehmen: Die Gründung eines Forums, das die interkulturelle Zusammenarbeit im Designsektor ermöglicht.
Datum: Juni-Juli 2007
Ort: Bamako, Mali

